Unter unserem kurzen Video vom Race Around Niederösterreich, nachts, im Regen, aufgenommen aus dem Begleitauto, stand ein Kommentar. Jemand verstand nicht, warum man sich so etwas antut, im Finstern und in der Kälte. Die kurze Antwort: weil es fasziniert. Die längere steht hier, einmal aus Sicht der Crew, einmal vom Rad aus.
Warum man ein Rennen betreut
Martin war schon öfter Betreuer als Fahrer, und zwar in der Media-Crew. Beim ersten Mal hat er selbst gefragt, ob noch jemand gebraucht wird, weil er so etwas einmal erleben wollte. Später wurde er für das Race Across America zweimal aktiv gefragt. Beim ersten Mal hat er die ersten zwei Nächte durchgemacht und den Rest des Rennens gelitten. Warum er es trotzdem wieder getan hat? Weil es ein geiles Erlebnis ist, einmal quer über einen ganzen Kontinent von West nach Ost. Weil man sieht, welche scheinbar unmenschlichen Leistungen die Fahrerinnen und Fahrer bringen, vorne wie hinten. Und weil an einem Ort alle Verrückten zusammenkommen. Als Media-Mensch will man dazu das Rennen möglichst gut nach draußen bringen.
Dani ist über den Teamarzt als Physiotherapeutin ins Betreuerteam gekommen. Sie ist fasziniert davon, wie viele Radbegeisterte da auf einem Haufen sitzen und alle dasselbe Ziel haben: dass der Fahrer gesund ankommt und seine beste Leistung bringt. Einer für alle, auch wenn einfach jemand merkt, dass die anderen Hunger haben, und Essen bringt. Dazu die Landschaften, die sich über so eine Distanz völlig verändern, und die Frage, wie lange ein Mensch auf dem Rad sitzen und Leistung bringen kann. Beruflich war es für sie ein großer Ansporn zu sehen, wie sich Körper und Muskulatur nach 12 Stunden, nach 20 Stunden, nach drei oder acht Tagen verhalten.
Was alle verbindet, die so etwas betreuen? Wahrscheinlich die Leidenschaft für diesen Sport, ein bisschen Hang zum Verrücktsein und der Glaube daran, dass man über scheinbare Grenzen hinauskommt. Der Marathonläufer Eliud Kipchoge hatte als Motto auf seinem Armband stehen: „No human is limited“. Genau das.
Der Preis dafür ist die soziale Batterie. Tagelang mit anderen auf engstem Raum, kaum Schlaf, und hinterher ist nicht nur der Körper leer, sondern auch der Kopf. Irgendwann sind alle am Limit, und dann ist man auch nicht immer einer Meinung. Das gehört dazu.
Warum man selbst fährt
Ehrlicherweise haben wir erst ein Rennen gemacht, das man wirklich Ultrarennen nennen kann, dazu die Gran Guanche und eine Nachtausfahrt. Andere können diese Frage besser beantworten. Unsere Antwort:
Martin hatte den Wunsch, einmal eine Mixed-Staffel bei so einem Rennen zu fahren, schon seit über zehn Jahren. Dazu gekommen ist es lange nicht, dann wollte er allein starten und ist kurz vor dem Rennen bei einer Nachtausfahrt gestürzt. Seither ließ ihn das Thema nicht los. Als wir im Jahr davor zusammen ausgefahren sind und die Idee aufkam, fand Dani sie dumm, aber gut, und damit war das Ziel gesetzt. Allein zu fahren hat seinen Reiz, aber Martin schätzt das Miteinander. Der Druck ist ein anderer, weil man den anderen nicht enttäuschen will, und genau das motiviert noch einmal anders. Und ab dem Start gab es keine Diskussion mehr, keinen Plan B. Wir fahren das zu Ende.
Für Dani geht es um die Frage, was ihr Körper schafft. Sie trainiert lieber auf etwas hin als ins Blaue, und das Ziel soll groß genug sein, dass sie Respekt davor hat. Im Leben gibt es oft ungemütliche Situationen, und sitzen zu bleiben ist keine Option. Erfolg war für sie nicht der Platz, sondern dass wir beide gesund und mit Spaß ins Ziel gekommen sind. Wenn man spürt, was das Training gebracht hat, motiviert das für das nächste Mal.
Und wenn es einmal nicht hinhaut? Dann ist das keine Niederlage, sondern etwas, woraus man lernt. Scheitern sollte viel normaler sein. Martin ist vor kurzem eine Sonntagsrunde gefahren, die eigentlich machbar war, gut verpflegt und ohne Energieloch, und trotzdem ging nichts, die Runde wurde abgekürzt. Er hat an sich gezweifelt und abends eingesehen, dass es schon anders gegangen ist und so etwas dazugehört. Ein paar Tage später hat er am Donauradweg alle stehen lassen. Es gibt solche und solche Tage, und aus beiden kann man Motivation ziehen.
Warum klatscht hier eigentlich keiner?
Dani war an einem Wochenende bei einem Ultracycling-Rennen, und was sie dort gesehen hat, fand sie traurig. Spitzenathletinnen und -athleten, die dafür lange trainiert hatten, fuhren nach bis zu 30 Stunden ohne oder mit kaum Schlaf ins Ziel, und da war fast niemand, der applaudierte. Bei manchen war nicht einmal ein Moderator da, der sie in Empfang nahm. Martin kennt das vom Race Across America: Mit Glück stehen drei Leute im Ziel, mit Pech keiner.
In Österreich geht es auch anders. Beim Race Around Austria ist im Ziel etwas los, und auch beim Race Around Niederösterreich standen am frühen Abend, bei Kälte und Regen, nicht wenige Leute, als wir ankamen. Viel hängt an der Uhrzeit, und irgendwer kommt immer zu einer blöden Zeit an.
Deshalb unsere Bitte: Wenn irgendwo ein Ultrarennen an euch vorbeiführt, stellt euch hin. Klatscht, ruft, läutet eine Kuhglocke oder feuert einfach irgendwen an. Für euch ist es ein kurzer Moment, für die Person am Rad kann es genau der Moment sein, der sie weiterträgt.




