Gran Guanche: vier Inseln, sechs Tage und kein Urlaub

Mit dem Rennrad über Lanzarote, Fuerteventura, Gran Canaria und Teneriffa: unsere Bikepacking-Tour auf der Gran-Guanche-Route, mit Nachtabfahrt, Fähren, Planänderungen und allem, was wir mithatten.

· 9 Min Lesezeit · Dani & Martin
Dani und Martin mit ihren bepackten Rennrädern am Meer auf den KanarenFoto: eigene Fotos

Oben am höchsten Punkt ist es stockfinster. Man hört nur Frösche quaken, und darüber steht der schönste Sternenhimmel, den wir je gesehen haben. 160 Kilometer und rund 3.500 Höhenmeter hat dieser Tag auf Gran Canaria, das Essen ist aus, die Flaschen sind fast leer. Wir ziehen Handschuhe und Jacken an, frieren im Wind trotzdem und fahren los, zuerst durch eine Baustelle, wo es links und rechts hinuntergeht und keine Leitplanke mehr steht, dann in Serpentinen auf einer schmalen Straße bergab. Rennlichter haben wir keine dabei. Also fahren wir nebeneinander, damit sich die Lichtkegel überlappen, bis Danis Akku aufgibt. Es ist elf Uhr in der Nacht, als ihr Satz fällt: „Man hat mir einen Urlaub versprochen!“

Die Gran Guanche ist eine Route über die Kanaren, offiziell über fünf Inseln. Wir fuhren vier davon: Lanzarote, Fuerteventura, Gran Canaria und Teneriffa. La Gomera hatten wir von vornherein gestrichen. Gedacht war das Ganze als Trainingslager und als Erlebnistour mit dem Gravelbike. Eine Woche vorher kam von Geri der Tipp, doch die Räder zu nehmen, mit denen wir im Mai das Race Around Niederösterreich fahren wollten, und der Tipp war im Nachhinein sehr wertvoll. Also flogen die Rennräder zerlegt im Radkoffer nach Lanzarote, die Koffer warteten sechs Tage lang in einem Depot nahe dem Flughafen, und an den Rädern hing, was wir bis dahin brauchten. Statt Zelt hatten wir Unterkünfte gebucht, weil wir das Gepäck nicht schleppen wollten, das Wetter nicht kannten und Wildcampen auf den Kanaren ohnehin streng geregelt ist.

Lanzarote und Fuerteventura

Lanzarote ist, was Höhenmeter und Straßen angeht, die harmloseste der vier Inseln, hat aber ihren eigenen Reiz. Die Route führt durch den Timanfaya-Nationalpark, durch Vulkangebiet voller schwarzer Lava und, was man kaum glaubt, durch Weinbaugebiete. Dazwischen liegt der einzige Anstieg der Insel, den man wirklich einen Pass nennen kann, und der ist nicht ohne. Abends gab es Nudeln mit Tomatensauce und Thunfisch, in der Früh Baked Beans mit Eierspeise, und mit jedem Tag wurden es mehr Eier in der Pfanne.

Dani mit ihrem bepackten Rennrad vor Lavafelsen und dem Schild des Timanfaya-Nationalparks Timanfaya auf Lanzarote.

Zwischen den Inseln fahren riesige Katamarane, in deren Bauch Lastwagen stehen. Die Räder werden mit Gurten festgemacht, und oft waren andere Radfahrer an Bord, darunter drei Belgier, die uns die ganze Reise über immer wieder begegneten. Dass sich die Besatzung beim Gehen immer irgendwo festhält, hat einen Grund: Auf einer Überfahrt wollte Dani telefonieren gehen, rutschte in den Radschuhen aus, als das Schiff schaukelte, und setzte sich so heftig hin, dass es das ganze Schiff hörte. Lustig war das in dem Moment nicht.

Fuerteventura hat bräunliche Hügel statt Vulkanland, mehr Grün und die schöneren Sandstrände, und die Autofahrer waren wie auf Lanzarote sehr respektvoll. Eigentlich wollten wir dort nur einkaufen und landeten mitten im Karneval, samt einem Fest namens Beerdigung der Sardine. Das ist kein schlechter Witz, das gibt es wirklich. An einem Anstieg hängte sich Martin an eine Gruppe, die ihn überholte, in Danis Worten seinen Pensionistenverein, und merkte erst dann, dass das lauter E-Biker waren. Die Gruppe schluckte ihn und spuckte ihn hinten wieder aus, und Dani sah ihn zwanzig, dreißig Minuten lang nicht mehr.

Gran Canaria

Die Königsetappe war der härteste Tag der Reise. Nach 80 bis 100 Kilometern überholte uns an einem Anstieg eine Gruppe Rennradfahrer ohne Gepäck, und wir hängten uns dahinter. Plötzlich lag eine fremde Hand auf Martins Schulter: Einer aus der Gruppe schob ihn ein Stück zurück und sagte „Sorry, wrong group“. Das tut man nicht: Man berührt keinen anderen Radfahrer, außer es ist abgesprochen, weil der andere vor Schreck den Lenker verreißen kann. Die Gruppe drückte danach an, wurde uns mit all unserem Gepäck am Berg aber nicht los, und genau als wir sie überholen wollten, bog sie links ab. Wir fuhren rechts weiter. Es war tatsächlich die falsche Gruppe.

Gegen vier am Nachmittag lagen noch rund 60 Kilometer und 2.000 Höhenmeter vor uns, und die Frage war, ob wir noch im Hellen ankommen. Wir entschieden, einfach im Dunkeln weiterzufahren, auch weil wir das für das Race Around Niederösterreich ohnehin üben mussten. Den Sonnenuntergang erlebten wir an einem wunderschönen Anstieg, ganz allein auf der Straße, und in solchen Momenten denkt man sich: Ja, scheiße, für das machst du das.

Dann kam die Abfahrt vom Anfang dieses Textes, und nach ihr noch ein Anstieg über 300 Höhenmeter, den wir völlig unterschätzt hatten. Martin ging darin ein, er hatte nichts mehr zu essen und fror wie selten, während Dani noch einmal einen Energieschub bekam und davonfuhr. Für Martin gehört diese Nacht zu den fünf größten Abenteuern seines Lebens. Unten im Ort hatte die Rezeptionistin extra auf uns gewartet, und Dani überredete sie, uns ein Hotelzimmer zu geben statt des Apartments, für das wir noch durch den halben Ort hätten fahren müssen. Das einzige Lokal, das noch offen hatte, wollte gerade zusperren, als wir den Wirt beschwatzten, uns noch Pizza zu machen. Die beste Pizza unseres Lebens, qualitativ eher nicht, aber in dem Moment ein Lebensretter.

Am nächsten Tag trennten wir uns für eine Etappe. Dani spürte nach den langen Distanzen ihre Knie und fuhr die Küste entlang. Dabei fuhr sie zum ersten Mal mit dem Rad durch einen Tunnel, und weil sie nicht sicher war, ob man das darf, fuhr sie vorher zum Häuschen des Mitarbeiters und plauderte mit ihm. Durchfahren sei überhaupt kein Thema, meinte er, sperrte ihr eine Straßenseite, warnte mit „Achtung, langsam fahren, Radfahrer“, verfolgte sie über seine Kameras, bis sie wieder draußen war, und sperrte auch beim nächsten Tunnel, weil er für die ganze Tunnelkette zuständig war.

Martin wollte unbedingt nach oben, obwohl Dani beim Wetter das bessere Gefühl hatte. Je höher er kam, desto mehr fragte er sich, was er da eigentlich tut: Er fuhr in die Wolken, musste das Rad um manche Kurven schieben, weil ihn der Wind sonst umgeweht hätte, fror im Regen trotz Handschuhen und Jacke und konnte bergab kaum noch bremsen. Man erkennt da unsere Wesenszüge, sagt er selbst: Dani geht auf die Leute zu und hat sofort Freunde, er fährt stur in den Regen, sieht keine Menschenseele und kommt ausgekühlt und frustriert unten an. Weil er sich verschätzt hatte und das Höhenprofil im Navi nicht ganz stimmte, brauchte er zwei Stunden länger. Dani wartete, schaute sich das Dörfchen an und quatschte mit Leuten, und wir nahmen die Fähre zwei Stunden später. Dass uns beiden auf der Überfahrt nach Teneriffa schlecht werden würde, wussten wir diesmal vorher, und es wurde trotzdem ganz schlimm. Einer von uns hielt die ganze Zeit den Tracker in der Hand und schaute, wann wir endlich ankommen.

Teneriffa

Teneriffa empfing uns mit Regen, und das Wetter blieb so schlecht wie an den Tagen davor. Hinauf auf den Teide, den höchsten Berg Spaniens, wären wir gern gefahren. Nach den ersten paar hundert Höhenmetern im strömenden Regen, mit Schnee weiter oben und einer Abfahrt, die 40 bis 60 Minuten dauert, ließen wir es bleiben: Nässe, Kälte, Kurven und Müdigkeit sind eine ganz schlechte Kombination, und krank werden wollten wir mit dem Race Around Niederösterreich vor Augen auch nicht. Stattdessen schlängelten wir uns auf mittlerer Höhe am Bergmassiv entlang in den Süden, es waren trotzdem 100 Kilometer. Bestätigt haben uns am Ende die drei Belgier, die wir am Flughafen wiedertrafen. Sie waren dieselbe Route hinaufgefahren, bis es zu schneien begann und nichts mehr ging, und kamen mit dem Taxi wieder herunter.

Dazu kam der Verkehr: Auf Teneriffa wurden wir angehupt, beschimpft und mit Scheibenwischwasser angespritzt. Zurück nach Lanzarote wollten wir nicht neun Stunden mit der Nachtfähre, also nahmen wir einen der kürzesten Flüge, die man machen kann, und dafür mussten die Räder in Kartons. Die hatte uns Stefan organisiert, der gerade auf Teneriffa Urlaub machte. Radkartons sind dort begehrt und aus der Ferne kaum zu bekommen, und er holte sie sogar ab und hatte sie schon in seinem Apartment, als wir ankamen. Danke, Stefan, das war Gold wert.

Polsterfolie holten wir im Baumarkt, wo wir die Räder am Infopoint abstellen durften. Zurück fuhr Martin mit einer Riesenrolle Luftpolsterfolie, die Dani ihm schräg über den Rücken gespannt hatte, und sah aus wie eine Schildkröte, Dani trug die Musette mit dem Werkzeug. Das Zerlegen und Verpacken im Hotelkomplex hat super funktioniert. Umso bitterer war es, dass wir die schön verpackten Räder auf Lanzarote wieder auswickeln mussten, um sie in die Radkoffer umzupacken. Am nächsten Tag gab es vor dem Heimflug noch ein ausgiebiges Frühstück im Sonnenschein, und es war der schönste Tag der ganzen Woche.

Was wir mithatten und was wir mitnehmen

Rad und Transport. Rennrad statt Gravelbike, und wir waren froh darüber. Unsere Radkoffer sind eher handlich, die Räder passen gerade so hinein: Laufräder raus, Sattel samt Stütze raus, Lenker ab, Pedale ab. Das ist mit Inbus- und Maulschlüssel kein Hexenwerk, und wer es einmal gezeigt bekommt, kann sein Rad überallhin mitnehmen.

Taschen. Vorne eine Lenkertasche oder Lenkerrolle. Hinten fuhr Dani die klassische Satteltasche, die wir der Form wegen Arschrakete nennen, Martin ein leichtes Gestell an zwei Streben, das weniger wackelt und sich leichter packen lässt, aber weniger Platz bietet. Dazu Oberrohrtasche, eine kleine Tasche für Handy und Riegel und ein Food Pouch am Lenker.

Kleidung. Ein Radoutfit am Körper und ein Ersatzset, Bein- und Armlinge, Windweste, Regenjacke und Handschuhe. Wer glaubt, auf den Kanaren braucht man keine Handschuhe, ist dort noch nie im Regen in die Wolken gefahren. Für abends leichte Sandalen, eine dünne Hose, Langarm-Oberteile und eine warme Steppjacke, und bei unserem Wetter waren wir über jedes Stück froh.

Kleinkram. Werkzeug und Ersatzteile, ein ordentliches Licht statt einer Stadtlampe, Ersatzakku oder Powerbank und eine Musette, also eine Stofftasche mit einem Träger, die sich schräg umhängen lässt und das Einkaufssackerl ersetzt. Dazu ein Wäschesack: Wäsche in den Waschsalon, essen gehen, Wäsche holen, über Nacht in der Unterkunft trocknen lassen.

Essen. Bei acht Stunden am Rad laufend Flüssigkeit und Energie zuführen, mit Riegeln, Gels und Kohlenhydrat-Getränken statt einer großen Mittagspause, nachgekauft wird unterwegs.

Fähren. Fahrpläne vorher anschauen und Puffer einplanen. Reisetabletten liegen fürs nächste Mal daheim.

Planung. Man muss nicht gleich vier oder fünf Inseln planen. Lanzarote geht gut in zwei Tagen, Fuerteventura in zwei bis drei, und auf Gran Canaria allein findet man genug für vier Tage Bikepacking. Planung ist gut, Flexibilität ist besser. Und Bikepacking ist kein Urlaub.

Offener Radkoffer mit dem zerlegten Rad, daneben auf dem Holzboden Taschen, Radschuhe, Flaschen und Werkzeug Packen für sechs Tage.

Dieser Beitrag beruht auf unserer Podcast-Folge. Gespräch und Inhalte sind von uns, beim Verschriftlichen hat KI geholfen, freigegeben haben wir ihn selbst.

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